Chronik der Kolpingfamilie Oberstdorf 1900 — 1975

Generalpräses Msgr. Heinrich Festing

Generalpräses Msgr. Heinrich Festing



Liebe Kolpinggemeinschaft!
Liebe Festgäste!

Die Kolpingfamilie Oberstdorf kann aus Anlaß ihres 75-jährigen Bestehens ihr neues Kolpinghaus einweihen und der Öffentlichkeit vorstellen. Dazu möchte ich herzlich gratulieren und dem Haus Gottes Segen wünschen. Mit diesen guten Wünschen verbinde ich ein aufrichtiges Wort des Dankes an alle Verantwortlichen der Kolpingfamilie Oberstdorf, die sich dafür eingesetzt haben, in dieser schwierigen Zeit ein neues Kolpinghaus zu erstellen.
Als Kolping das erste Gesellenhaus in Köln in der Breite Straße erbaute, ließ er über den Türbogen schreiben: „Hier wird gebaut an der Zukunft des Volkes". Wie recht hat Kolping damalsgehabt. Seine Vorstellung, die Kolpinghäuser als „Akademien im Volkston" zu errichten, ist in der mehr als 100-jährigen Geschichte Wirklichkeit geworden. Denn die Kolpinghäuser geben den Gesellen nicht nur ein Zuhause, sondern sie waren echte Bildungszentren, die dem einzelnen Allgemeinbildung vermittelten und auch der Berufsausbildung und -weiterbildung dienten.
In diesem Sinne sind die Kolpinghäuser auch heute noch zeitnah und aktuell. Denn sie sollen den jungen Leuten, die im Kolpinghaus wohnen, eine familienhafte Gemeinschaft bieten und auch der Weiterbildung dienen. Durch die Jugendarbeit, die im Kolpinghaus geleistet wird, trägt das Kolpinghaus Oberstdorf dazu bei junge Leute für das Leben zu formen. Darüber hinaus wird es aber auch der Erwachsenenbildung offenstehen und damit einen echten Dienst der Kirche und Gesellschaft von heute leisten.
Allen Bewohnern und Besuchern des Kolpinghauses wünsche ich, daß sie hier ein echtes Zuhause und eine Stätte der Begegnung finden. In Verbundenheit grüße ich mit einem „Treu Kolping!"

Euer
Msgr. HEINRICH FESTING
Generalpräses



Diözesanpräses Rudolf Geiselberger

Diözesanpräses Rudolf Geiselberger

Grußwort

Unendlich viele Probleme auf dieser Welt können nicht gelöst werden, weil Kraft und Mittel der Menschen durch Mißtrauen und Angst gebunden sind; weil gebotene Vorsicht hindert, sie dafür einzusetzen, ein Klima des Vertrauens, gerechte Verhältnisse und jenen dauerhaften Frieden zu schaffen, der Voraussetzung für das gegenseitige Verständnis, für Freundschaft und Zusammenarbeit ist. Es fehlen eben Treue und Beständigkeit und Zuverlässigkeit, der Boden auf dem allein Vertrauen wachsen kann, weil Sie uns Gewißheit schenken, was man voneinander halten und erwarten kann. Schlichte und selbstverständliche Zuverlässigkeit finden wir dort, wo Menschen echt auf Gott hören und vertrauen. Dieses Verhältnis strahlt aus und gibt Sicherheit inmitten von Bedrohung und Gefahr, denn hier fühlen sich Menschen im Tiefsten ihres Wesens gebunden und gehalten und sind Willens diese Bindung in allen Gegebenheiten des sich verändernden Lebens zu verwirklichen.

Treue zu dem Geist aus dem wir stammen und der Wille, die Zukunft nach ihm zu gestalten — die Aufgabe, die Kolping nahelegt. Die Tatsache, daß die Kolpingfamilie Oberstdorf auf 75 Jahre Bestehen voller Aktivität und Leben zurück­schauen kann, zeigt, daß dort Menschen nach diesem Grundsatz leben. Darum mein Dank an alle, die in diesem Sinn in der Kolpingfamilie Oberstdorf die vergangenen 75 Jahre so gelebt und gehandelt haben und mein Wunsch, daß dieser Geist weiterhin in ihr lebendig bleibe.

Euer
RUDOLF GEISELBERGER
Diözesanpräses



Dem Geburtstagskind zum Gruß!

Nach dem Gebirgstrachten- und Heimatschutz­verein feiert nun, wenn auch etwas verspätet, der im Jahre 1900 gegründete „Katholische Gesellenverein Oberstdorf" sein 75-jähriges Bestehen. Dazu entbiete ich im Namen der Marktgemeinde Oberstdorf meinen herzlichen Glückwunsch.

Der Markt Oberstdorf weiß sehr wohl zu schätzen, was dieser Verein einst und unter dem Namen „Kolpingverein" heute in religiöser, kultureller und sozialer Hinsicht geleistet hat. Waren es früher die Wandergesellen, denen liebevolle Aufnahme, Heimat und Geborgenheit zuteil wurde, so ist es heute — nach veränderter Sozialstruktur- besonders die Jugend unserer Gemeinde, die nach dem Vorbild des Gründervaters A. Kolping eine Hinführung zu einem verantwortlichen Leben in Staat und Gesellschaft erfährt.

Die Gemeinde begrüßt deshalb auch die Bereitschaft des Kolpingvereins, sein — neues Haus in der Oberen Bahnhofstraße der organisierten Jugend Oberstdorfs als Stätte der Begegnung zur Verfügung zu stellen. Der Verein nimmt dadurch der Gemeinde nicht nur eine belastende Verpflichtung ab, sondern er zeigt auch. wie die gelungenen Aktionen der letzten Jahre ausweisen, in der Jugendführung ein besonderes Geschick. Dafür möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen.

Möge das neue Haus als Stätte der Begegnung zwischen jung und Alt den guten Geist der Vergangenheit in die Zukunft hineintragen und möge der Jubelverein seinen Zielen und Idealen auch in einer sich schnell veränderten Welt treu bleiben!

Marktgemeinde Oberstdorf

EDUARD GEYER
1. Bürgermeister



Zum Gruß

Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören jene heimeligen Abende, an denen der Großvater „von früher" erzählte. Er glich dem biblischen Hausvater, der „Neues und Altes aus seinem Schatze hervorholt".

Diese Chronik, anläßlich der 75-Jahrfeier der Kolpingfamilie Oberstdorf und der Einweihung des neuen Kolpinghauses verfaßt, kann den erzählenden Hausvater nicht ersetzen und will es auch gar nicht. All jene, die am 16. April 1900 den kath. Gesellenverein Oberstdorf gegründet haben, trugen ihre lebendige Erinnerung an die wechselvolle Geschichte des Vereins in die Ewigkeit bereits hinüber. Sie schweigen. Geblieben aber ist ihr Werk und das Werk Adolf Kolpings.

Wenn dazu nach 75 Jahren noch ein Wunschtraum in Erfüllung geht, ein Haus mit genügend Räumenfür die Vereinsarbeit‚ dann darf ich dazu der Kolpingfamilie Oberstdorf meinen herzlichen Glückwunsch aussprechen.

Jeder Wunsch ist für den Beschenkten eine Verpflichtung. Möge die Kolpingfamilie Oberstdorf, getreu dem Leitmotiv der Gründungssatzung und nach dem Willen der Gründer, stets sich verpflichtet wissen der „Tugend und Religion", und junge Menschen prägen, die im Geiste des Evangeliums Christi und des Vaters Adolf Kolping diese Welt gestalten.

MANFRED GOHL
Präses



75 Jahre Kolping Oberstdorf

Wer jene Persönlichkeiten aufzählt, die sich um den Menschen des vorigen Jahrhunderts entscheidend gesorgt haben, wird neben all den Sozialreformern und Pragmatikern bestimmt einen Mann nennen müssen, der einer von denen war,die ihre Lebenskraft für andere eingesetzt haben: Adolf Kolping.

KOLPINGS IDEE

Eine Idee geht um die Welt! Es war seine Idee. Was er wirklich war und wollte, erfuhren Handwerksgesellen und Burschen auf der Wanderschaft erst nach seinem Tod durch sein zeitloses Werk.
Jeder Mensch braucht eine Heimat: eine natürliche, die ihm Geborgenheit, Verständnis und Anerkennung schenkt; und eine übernatürliche, die ihn den Sinn seines Lebens und Arbeitens erkennen läßt. Kolping wollte frohe junge Menschen, die von einem überzeugten Glauben kommend mitten im Berufsleben auch andere zu überzeugen vermochten. So trat Kolpings Idee Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug durch Deutschland an. Daß der südlichste Teil des Reiches, das „Oberste Dorf“, erst so spät die Gedanken Kolpings aufgriff, während in Sonthofen, Immenstadt, Oberstaufen, Weiler und Lindau längst Gesellenvereine gegründet und aktiv waren, lag an der Abgeschiedenheit dieser Landschaft, die lieber das Alte bewahrte und allem Neuen argwöhnisch entgegenblickte.
So ging das 19. Jahrhundert vorüber und die wandernden Gesellen aus dem Norden wunderten sich immer noch, daß es in Oberstdorf keinen Gesellenverein gab.

ANFÄNGE

Am 18. Januar 1898 kam Johannes Schiebel als Benefiziat nach Oberstdorf St. Loretto. In Pfarrer Alois Heinle begegnete er einem Mitbruder, der gleich ihm ein Herz für die Idee Kolpings hatte. Und nach dem Kolping-Grundsatz „Schön reden tut’s nicht, die Tat ziert den Mann“ gingen beide daran, sich nach Männern umzusehen, die als Meister ihres Handwerks um die soziale und religiöse Not ihrer Wandergesellen wußten und bereit waren, in dem zu gründenden Verein Mitverantwortung zu tragen.

GRÜNDUNG

Zwei Jahre später, am 7. April 1900, trafen sich im „Hirsch“ Pfarrer Heinle und Benefiziat Schiebel mit 28 Meistern und Gesellen zu einer Vorbesprechung. Am 16. April 1900 war es soweit. In Anwesenheit von 60 Personen, darunter 35 Gesellen, wurde der „Katholische Gesellenverein Oberstdorf e.V.” gegründet. „Unverbrüchliche Treue gegen Gott und König, gegen geistliche und weltliche Obrigkeit“ wurde als Vereinsprinzip den Statuten vorangestellt.
Erster Präses wurde Benefiziat Johann Schiebel, Ehrenpräses der Pfarrer von Oberstdorf, Geistlicher Flat Alois Heinle, Vizepräses Andreas Hofmann. Als Schutzvorstände wurden neben den schon Genannten eingetragen: Karl Blattner, Heinrich Müller, Claudius Rietzler, Xaver Volderauer.
Am 13. Mai wurde Josef Zeller zum Senior gewählt und das Stiftungsfest mit Patronzinium auf den 19. März (Josefstag) festgelegt.

Der Gründungspräses Johannes Schiebel Benefiziat in Loretto 1898 — 1901
Der Gründungspräses
Johannes Schiebel
Benefiziat in Loretto
1898 — 1901


Wie groß die Begeisterung über dieses Ereignis war, zeigt der Mitgliederstand im Gründungsjahr: Neben 50 aktiven Mitgliedern ließen sich 156 Ehrenmitglieder eintragen, dazu kamen 106 Damen-Ehrenmitglieder. Kaum eine Familie in Oberstdorf und Umgebung stand nicht in irgendeiner Weise mit Kolping und seinem neuen Verein in Verbindung.

SATZUNG

Was wollte der Verein? Die Satzung hat alle Ziele zusammengefaßt:

  1. Die Mitglieder auf dem Fundamente der katholischen Religion zu einem gesitteten Leben anhalten.

  2. Eifer und Freude zum Beruf nähren und mehren.

  3. Verschiedene nützliche Kenntnisse verbreiten durch belehrende Vorträge, durch Unterricht in der Buchführung, im Zeichnen, im Gesang etc., durch lehrreiche Bücher und Vereinsblätter.

  4. Gesellige Unterhaltung bieten durch Vereinsversammlungen‚ durch musikalische und deklamatorische Vorträge, Theateraufführungen, verschiedene Spiele, gemeinsame Ausflüge.

Streng waren die Aufnahmebestimmungen. Aktives ordentliches Mitglied konnte nur werden, wer katholisch, unverheiratet und Handwerksgeselle war, einen unbescholtenen Lebenswandel führte und das 17. Lebensjahr vollendet hatte. Hier hat sich vieles gewandelt. Die „gute alte Zeit“ wird noch in einem Satz lebendig, der sich geradezu märchenhaft liest: „Der Monatsbeitrag darf 20 Pfennig nicht übersteigen!“

Wenn man aber die Relation sieht — die Halbe Bier kostete 10 Pfennig — war es gar nicht so billig, ja teurer als heute (Monatsbeitrag 1976 ca. 2,-- DM). Strengstens verboten und ein Grund für den Vereinsausschluß war das sogenannte „Blau-Montagmachen“, ein Übel also, mit dem schon unsere Väter nicht fertig geworden sind. „Trunksucht, rohes Benehmen, unsittliches Betragen und grobe Vernachlässigung der religiösen Pflichten“ wurden ebenfalls mit dem Ausschluß bestraft (bis 1920 wurden so 6 Mitglieder ausgeschlossen).
Jeden Sonntag fanden Vereinsversammlungen im Gasthaus „Adler“ statt. Die Teilnahme aller (!) aktiven Mitglieder an der Monatsversammlung war Pflicht (am 1.Sonntag). Alle Vorträge, die von Gesellen gehalten wurden, mußten vom Präses genehmigt werden. O tempora, o mores!
Für Übernachtung und Frühstück eines auswärtigen Gesellen erhielt der Herbergsvater und Hirsch-Wirt 40 Pfennig. Ein Geselle, der nicht übernachtete, erhält 20 Pfennig aus der Vereinskasse (also den Monatsbeitrag eines Mitgliedes!).

MEIN VATER WAR EIN WANDERSMANN ...

Es war ein eigenes Völkchen, diese wandernden Gesellen. Zwischen Hamburg und Oberstdorf fielen sie wohlwollend auf mit ihrem breitkrempigen Hut, ihrer samtschwarzen Jacke und der wallenden Hose. ihre Habseligkeiten trugen sie in einem Ränzlein auf dem Rücken, ihre Geldtaschen waren meist leer, ihr Liedgut dafür unbegrenzt. Und Durst hatten sie zuweilen auch.
Sie suchten einen neuen Meister, für ein — zwei Tage, dann ging es weiter, rastlos und geldlos, doch glücklich. Zuweilen suchten sie auch eines Meisters Töchterlein. Und so sie ein solches fanden und dieses ihr ruheloses Herz in Ketten legen konnte, wurden sie seßhaft und verwirklichten die handwerklichen Fertigkeiten, die sie bei vielen Meistern landauf‚ landab kennengelernt hatten.
Der einzige Begleiter dieser Wanderjahre war das Wanderbuch, ausgestellt bei der Zentrale des Gesellenvereins in Köln. Kam der Geselle abends an, lieferte er das Buch beim Ortspräses ab, erhielt vom Ortsverein Verpflegung und Nachtquartier (natürlich kostenlos) und zog am nächsten Morgen nach erfolgtem Eintrag im Buch wieder weiter. Mit dem Spruch: „Armer Schustergesell’ bittet um Arbeit“ stellte sich der Schustergeselle bei einem Meister vor — falls er arbeiten wollte. Oft aber hieß es nur: „Armer Wandergesell’ bittet um Almosen.“ Er erhielt 20 oder 50 Pfennig — und zog weiter. Einen Spendenzuschlag bekam jener Geselle, der den Kolpinggruß sagte: „Gott segne das ehrbare Handwerk!“ Einen kleinen Zwangsaufenthalt mußte der einlegen, den die Polizei beim Betteln erwischt hatte. Im „Polizeihauptquartier“ des Ortes konnten die einzelnen Gesellen ihre Erfahrungen austauschen und manche Freundschaftsbande wurde hinter Gittern geknüpft.
Wenn dann der Geselle eines Tages am Grabe Vater Kolpings in Köln kniete, galt sein Dank nicht nur diesem großen Vorbild. Seine Gedanken wanderten nach Hause zu Vater und Mutter und ein Kartengruß überbrückte die Entfernung — und auch das Heimweh. Und die immer lustigen Gesellen, weltbewandert und nie verlegen, schämten sich auch einer Träne nicht.

DIE NEUE FAHNE

Ein Verein ohne Fahne galt zu Kaisers und Königs Zeiten nicht viel. War die Fahne in der Antike Kampf-, Sieges- und allgemeines Herrschaftszeichen, so wurde sie mehr und mehr zum Symbol der Zusammengehörigkeit und der Uberzeugungskraft einer Idee.
Am 30. Januar 1901 wurde im Taub­stummen­institut zu Dillingen/Donau für 600 Mark eine neue Fahne bestellt. Nach dem Festgottesdienst am Pfingstmontag, dem 27. Mai 1901, nahm Ehrenpräses Königlich Geistlicher Rat A. Heinle die Fahnenweihe vor. Fähnrich Johann Blattner mit den beiden Begleitern Theodor Berktold und Max Waibel sowie die 16 Fahnenjungfrauen wurden beim anschließenden Festessen freigehalten. Die weltliche Festrede hielt der Diözesanpräses Max Steigenberger.

DER VEREIN IM AUFBAU

Die folgenden Jahre bis zum ersten Weltkrieg galten dem Bemühen, dem Verein innerhalb des Gemeindelebens einen achtbaren Platz zu geben. Die Gesellen auf der Wanderschaft wurden liebevoll aufgenommen und verpflegt. Mit dem Erlös des Theaterspielens wurde die stets hungrige Kasse aufgefüllt und durch allgemeine und religiöse Vorträge der Präsides und Handwerksmeister wurde der Wissensstand der Mitglieder erweitert. 1908 wurde mit der Anschaffung eines vereinseigenen Zimmerstutzens eine Schützenabteilung gegründet. Ein Schuß kostete mit Munition 1 Pfennig. 1. Schützenwart wurde Eugen Sieber, der am 6. Januar 1914 von Martin Zeller (gestorben am 28. März 1976 mit 89 Jahren) abgelöst wurde.
Am 21. September 1913 beim Katholikentag in Kempten war der Gesellenverein Oberstdorf ebenfalls vertreten und sein Präses, Dr. Georg Gromer, hielt die Festpredigt.
Einen schmerzlichen Verlust erlitt der Verein am 12. Juli 1914, als der damalige Senior Leonhard Wallner im Alter von 30 Jahren nachmittags um 14.10 Uhr beim Edelweißpflücken vom Ostgipfel der Höfats abstürzte und sofort tot war. R.I.P. Eine Gedenktafel in der Lorettokapelle erinnert den stillen Beter an eines der vielen Höfats- und Edelweißopfer.

KRIEGSJAHRE

Zwei Wochen später begann der 1. Weltkrieg. Die Waffen begannen zu sprechen, die Stimme der Vernunft und des Herzens war zum Schweigen verurteilt. Andere Fahnen waren gefragt, die Kolpingfahne wurde zusammen­gerollt und harrte einer besseren Zeit.
Die Einberufung zum Militärdienst traf zuerst Karl Sinz und Hans Blattner, bis Weihnachten 1914 standen schon 25 Kolpingmitglieder im Feld, die von ihren Freunden in der Heimat liebevoll mit Paketen bedacht wurden. Das erste Kriegsopfer des Vereins war Hans Kennerknecht (gest. 8. September 1914).
Daß zunächst auch der Gesellenverein von der allgemeinen Begeisterung mitgerissen wurde und „für Kaiser, Volk und Vaterland” zu den Waffen griff, beweisen die in den folgenden Kriegsjahren gehaltenen Vorträge bei den Monatsversammlungen: „Der Krieg 1870/71“, „Die wahren Ursachen des Krieges 1914“, „Die Deutsche Flotte“, um nur einige zu nennen. Die vereinseigene Bibliothek wurde mit vier Kriegsbüchern erweitert.
Lediglich um die Schützenriege wurde es ruhiger, „da die im Kriege stehenden Gesellen genügend Aug’ und Hand fürs Vaterland zu üben haben, die daheimgebliebenen aber zumeist bei der hiesigen Landsturmriege im Schießen ausgebildet werden“.
Der Verein zeichnete drei Kriegsanleihen in Höhe von 500, 500 und 300 Mark zu 5 Prozent. An Weihnachten 1915 wurden wieder 42 Liebesgabenpakete der Heimat an die Front geschickt, ebenso an den weiteren Kriegs­weihnachten.
Am 14. Januar 1917 standen aus dem Oberstdorfer Gesellenverein unter den Fahnen: 26 aktive Mitglieder und 45 Ehrenmitglieder, ausgezeichnet waren bis dahin 4 aktive und 2 Ehrenmitglieder. Zu Hause waren noch 11 aktive und 88 Ehrenmitglieder. Weitere Einberufungen folgten.
Niederlage, Kapitulation und Versailles als Ende des weltweiten lnfernos brachten zwar keine bessere Zeit, aber halfen mit, daß die Menschen wieder innerlicher wurden. Prophetische Worte schreibt der Präses Pfarrer Witzigmann Ende 1918 in das Protokollbuch: „Es beginnt die kaiserlose, die schreckliche Zeit, in der nur der Präses regiert." Und in einer melancholischen Rückschau sinniert er: „Der bei aller Sieg­haftigkeit und Heldengröße doch so jammervolle Krieg und‚das noch jammervollere Ende ließ keine Ruhe und Freude zu Aufzeichnungen aufkommen.“
Und in der Tat, nicht nur das Vereinsleben lag weitgehend darnieder, auch das Protokollbuch weist hier Lücken auf.

WIEDERAUFBAU

Vom Senior Simon Aigner (ab 9. Januar 1919) wurden die alten und neuen Gesellen in die neue Zeit geführt. Viele waren gefallen, andere hatten keine Lust mehr und blieben fern. Mit Vizepräses Josef Pirkl und Präses Witzigmann sowie einer kleinen Schar von 30 Getreuen begann der Neuaufbau.
Deutschlands erster Versuch einer Demokratie brachte auch für kaiser- und königstreue Bürger nicht wenig Probleme, ja gerade für diese Dazu kam die allgemeine Not, Inflation, Arbeits­losigkeit, politische Kampftruppen. Womit sollten die immer zahlreicher werdenden Wandergesellen verköstigt werden, wer sollte ihre freie Übernachtung bezahlen?
Und wieder war es das Laientheater, das mit viel Liebe aufgegriffen wurde. Es wurde in jener schweren Zeit mehr und mehr ein Hort der Geselligkeit und Vereinstreue. Wenn auch 1919 die „Räteregierung” die Aufführung des geplanten Stückes verzögerte, verhindern konnte sie es nicht.
1920 wurde in Form einer einfachen Familienfeier mit Festgottesdienst und Predigt das 20-jährige Stiftungsfest begangen. Ein Nachmittagsausflug auf den „Kühberg“ und ein gemütlicher Familienabend im „Trettach“ mit der Schlußrede durch den Gründer des Gesellenvereins, Pfarrer Schiebel aus Schöllang, rundete das Ereignis ab.
Der erneute Versuch, im Jahre 1921 eine neue Schützenabteilung aufzustellen, wurde einstimmig abgelehnt, „da das Schießen jetzt ein zu teures Vergnügen sei“. Erst 1927 wurden wieder Schießabende gehalten.
1922 wurde zum 1. Internationalen Gesellentag in Köln eingeladen. Um drei Mitgliedern (D. Guggemos, J. Dopfer und H. Wilfer) mit Fahne die Teilnahme zu ermöglichen, gab „jeder Geselle von seinem Wochenlohn einen oder mehrere Stundenlöhne in eine gemeinsame Kasse“. Begeistert berichteten die Genannten nach ihrer Rückkehr: „So etwas macht keine katholische Organisation nach, nicht einmal der Sozialismus.“

SCHWERE JAHRE

Im Sommer und Herbst 1923 kamen schwere Monate der Teuerung und Inflation. „Millionen wurden Milliarden, und Milliarden Billionen!“ Vier Kolpingbrüder (Dopfer, Wilfer, Dempf und Seiband) wanderten nach Argentinien aus, „um dort das Glück zu suchen, das in unserem darniederliegenden Vaterland nicht zu finden ist“.
Aber die Inflation und die neue Währung brachten nicht die erhoffte Wende: Zu sehr drückten die Reparationen, zu jung war die deutsche Demokratie, zu zersplittert das Weimarer Parlament. Im Herzen waren alle Schwarz-Weiß-Rot geblieben. Man schaute wehmütig zurück: Der kaiserliche Glanz war „ein Weg in die Tiefe“ geworden. Und man schaute nicht weniger sorgenvoll voraus: Arbeitslosigkeit wurde zum Schreckgespenst auch für die Oberstdorfer Gesellen. In einer Woche verließen sieben Gesellen Oberstdorf und damit den Verein. „Die Spielabende gingen ein, das Getränk war zu teuer.“
Unter dem neuen Präses Ludwig Merk wurde 1925 eine Revision der Statuten beschlossen und im kleinsten Rahmen das silberne Stiftungsfest am 17. Mai 1925 begangen. Eingeladen, neben den hiesigen Vereinen und dem Gründer, Pfarrer Schiebel, wurde nur der Patenverein Sonthofen sowie die Vereine aus lmmenstadt und Oberstaufen.
Ein besonderes Problem wurden die durchreisenden Gesellen. Immer liebevoll aufgenommen und verpflegt, wurden sie doch bald zu einer ernsthaften Belastung für die Vereinskasse. Hier zeigen sich am besten die Zeichen der Zeit. Sie stehen auf Sturm.
1924 wurden 62 Durchreisende Gesellen zur Übernachtung aufgenommen und verköstigt, 1926 waren es 78, 1929 schon 84, 1930 gar 101, 1931 = 176 und 1932 brachte den Rekord mit 181. Da die Mitgliederzahl des Vereins stagnierte, der Herbergswirt „Adler“ nicht mehr genügend Raum hatte und alles zu teuer war, brachte man nach Rücksprache mit der Gemeinde viele Wanderburschen im Touristenheim unter. Auch Vizepräses Josef Pirkl gab vielen bei sich zu Hause ein privates Quartier.
Die Weltwirtschaftskrise 1929 und der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit brachten noch andere, vereinsinterne Probleme. In der Generalversammlung am 1. Januar 1930 „äußerte sich lmminger unter Beifall gegen maßloses Trinken“ und der Präses mit dem neuen Senior A. Lang führten einen erbitterten Kampf gegen die lnteresselosigkeit vieler Vereinsmitglieder am Vereinsleben und drehten mit Konsequenzen.

Ausflug des Oberstdorfer Gesellenvereins ins Kleine Walsertal, 1921
Ausflug des Oberstdorfer Gesellenvereins ins Kleine Walsertal, 1921

LICHTBLICKE

In einer Zeit vieler Schatten dürfen wir auch die Lichtblicke nicht übersehen. Anfang 1928 wurde die Vereinsfahne in München für 480 Mark (!) renoviert. Als Fähnrich haben sie seitdem der Schuhmachermeister Ludwig Dentler und der Korbmachermeister Rudi Ammann fast 50 Jahre lang bei freudigen und traurigen Ereignissen als Symbol des ungebrochenen Kolpinggeistes getragen und die Gesellen und Meister auch in schwerer Zeit unter dem Zeichen Adolf Kolpings vereint.
Vizepräses Josef Pirkl, der am 14. Mai 1930 im Feuerwehrdienst schwer verunglückte und fast ein halbes Jahr (bis zum 5. Oktober 1930) für die Vereinstätigkeit ausfiel, konnte 1932 seine 30-jährige Vereinszugehörigkeit und 20 Jahre Vizepräses feiern. Seiner Treue ein posthumer Dank!

... UND NEUE SCHATTEN

Das kommende „Dritte Reich“ verlangt erste Bewährungsproben. Der 1. Deutsche Gesellentag in München am 10./11. Juni 1933 mußte wegen SA-Terror vorzeitig beendet werden und die drei Teilnehmer aus Oberstdorf abreisen, da ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. Dabei war das Motto dieser Tage: „Gott und Volk, Volk und Stand, Stand und Staat“ bewußt neutral gewählt.

30-jähriges Stiftungsfest 1930
30-jähriges Stiftungsfest 1930

Im Herbst 1933 erfolgte die von oben verordnete „Umstellung des Vereins zum Führerprinzip“. Da nach der Neuwahl der alte und neue Senior Alois Koch und Otto Bader die Wahl nicht annahmen, wurde nach einer „Redeschlacht“ Karl Witsch vom Präses zum „Führer“ bestimmt. Er ernannte dann die übrigen Mitarbeiter. Nach der Schlußrede durch Karl Witsch erfolgte bei dieser Versammlung erstmals „ein dreifaches Sieg Heil auf unseren Kanzler Adolf Hitler“.
Schon 1934 wurde die Teilnahme des Gesellenvereins an der Fronleichnamsprozession verboten, das Vereinsleben wurde eingeschränkt und kam bald fast ganz zum Erliegen. Quae tempora — Was für Zeiten(?)!
Im Jahre 1936, vom Januar bis April, wurde Versammlungsverbot erlassen und vom 6. November 1938 bis 6. Juni 1948 fehlen jegliche Einträge im Protokollbuch. Was sich in diesen Zeiten ereignete, nachdem das „Großdeutsche Reich“ zum Sturm gegen die übrige Weit geblasen hatte, wissen die einen aus eigener, bitterer Erfahrung, die Jüngeren von uns aus den nachdenklich stimmenden Erzählungen der Älteren. Die wenigen, die zu Hause geblieben waren und nicht an der Front standen, zehrten von der Erinnerung an zwar schwere, aber niemals so düstere Zeiten wie in diesen Jahren des nationalsozialistischen Größenwahns.

ERNEUTER BEGINN

Nach dem Kriege trafen sich die heimkehrenden Gesellen und Meister zunächst ohne Programm und festen Terminplan. Die Besatzungsmächte wachten argwöhnisch über alles deutsche Vereinsleben und ließen es nicht hochkommen.
Es ist das große Verdienst der „alten Garde“ unter dem ehemaligen Senior L. Dentler, daß die Kolpingidee stärker war als die Not dieser Zeit.
Am 6. Juni 1948 (also kurz vor der Währungs­reform) fand die erste Generalversammlung nach dem Kriege statt. Die gesamte Vorstandschaft mußte neu gewählt werden. Die erste größere Aktion führte den wiedererstandenen Verein in die Berge. Bei der Bergmesse am Rappenseekreuz und auf dem Hohen Licht anläßlich der 10. Jahresfeier der Kreuzerrichtung gedachten Präses Zehter und Vizepräses Ohmayer der gefallenen und in Gefangenschaft befindlichen Mitglieder und auch der vielen Kreuze in fernen Ländern, unter denen Kameraden ruhten.
Im November 1948 wurden für das Kinder­flüchtlings­lager Moschendorf Schuhe, Kleidung, Spielwaren und Süßigkeiten gesammelt. Auch die Theaterspieltradition wurde von Jungkolping wieder aufgenommen. Mit dem Stück „Adolf Kolping“ wurde die Gesellenweihnacht 1948 umrahmt. Auf sportlichem Sektor knüpfte man im Februar 1949 mit dem Abfahrtslauf vom Schönblick und dem Sprunglauf am Karatsbichl an eine ebenfalls große Sporttradition an.
Langsam normalisierte sich das Vereinsleben wieder. 1949 konnten 18 Neumitglieder aufgenommen werden, so daß die Mitgliederzahl auf 56 anstieg.

JUBILÄEN

Das Jahr 1950 stand ganz im Zeichen des goldenen Vereinsjubiläums. Der Gründerpräses, Pfarrer Schiebel, der Diözesanpräses, Dr. Zimmermann (später Weihbischof) und der Ortspräses, Benefiziat Zehter, wiesen in zum Teil humorvollen Reden den Weg in die zweite Hälfte des Jahrhunderts. Eine Handwerksausstellung gab Einblick in das Können der Kolping­mitglieder und fand große Zustimmung.
Am 10. Dezember 1950 wurden erstmals Bausteine an den Kirchentüren verkauft, „für den Bau eines Kolpinghauses“. Aber es sollte ein langer und steiniger Weg werden bis zur Verwirklichung nach 25 Jahren.
1951 konnte Josef Pirkl auf 50 Jahre Meisterschmied zurückschauen, und seit 40 Jahren stand er dem Gesellenverein als Vizepräses mit seinem ausgewogenen Rat und seiner gewinnenden Persönlichkeit zur Seite. 1951 war auch das Jahr, wo erstmals eine Jungkolpinggruppe gegründet wurde und 15 junge Menschen aktiv das Vereinsleben fortan mitgestalten halfen.
Wie schon 1914, so forderte auch dieser Sommer 1951 aus unseren Reihen wieder ein Bergopfer. Der Lehrling des Bäckermelsters Alois Koch aus Tiefenbach wurde am 5. August als vermißt gemeldet und erst am 10. Oktober am Fuß des Faltenberges tot aufgefunden.
Die folgenden Jahre galten dem Bemühen, den längst gehegten Plan eines Neubaus zu verwirklichen. Bis hinauf zu Regierungsstellen wurde aber schon damals der Bau verhindert. Der eigens zum Bauen gegründete e. V. wurde 1959 wieder aufgelöst. Mit der Stabilisierung der politischen Verhältnisse und dem Beginn einer bescheidenen Aufwärtsentwicklung begannen wieder die Reisen und Freundschaftsbesuche bei anderen Gesellenvereinen und deren Besuch bei uns. Im Juni 1952 ist die KF Nieheim/Westfalen mit 30 Mitgliedern in Oberstdorf zu Gast, im September 1952 fahren 30 Oberstdorfer ins Rheinland. Im Juni 1953 kommt die KF aus Forchheim, im September 1954 kommen die Herboltsheimer, nachdem im Mai die Oberstdorfer bei einer Blütenfahrt einen Antrittsbesuch dort gemacht hatten.
Eine besondere Überraschung bedeutete eine Grußkarte aus Lahti vom WM-Teilnehmer Max Bolkart jr. (7. März 1958). Am 2. Oktober 1958, anläßlich der 300-Jahr-Feier von Loretto, trafen sich die ehemaligen Präsides: Schiebel (inzwischen 87 Jahre), EB (84), Dr. Mayer, Baur, Stiefenhofer, Merk und Zehter. Zusammen mit dem neuernannten Präses, Benefiziat Klemens Schwandner, überblickten sie die erste Hälfte des Jahrhunderts.
1958 erbrachte die Jahresabrechnung erstmals wieder ein Defizit, so daß die General­versammlung 1959 eine Beitrags­erhöhung von 70 Pfennig auf 1 DM im Monat beschließen mußte. interessant die Begründung: „... da ja alle Waren in den letzten Jahren teurer geworden sind.“
Im Jahre 1960 wurde das 60-jährige Gründungs­fest gefeiert. Der Familienabend am Samstag, dem 24. September im „Hirsch“ war geprägt von der heiteren Gelassenheit des fast 90-jährigen Gründungspräses, Pfarrer Johannes Schiebel. Studienrat Baur (Neu-Ulm), ehemals Präses, zelebrierte den Festgottesdienst am Sonntag, dem 25. September 1960, der von der Oberstdorfer Blaskapelle unter Leitung von Max Bolkart prächtig umrahmt wurde.

Theodor Huber   † 28. Februar 1961

Theodor Huber
† 28. Februar 1961

EIN WUNSCH GEHT lN ERFÜLLUNG

Das Jahr 1961 wurde wohl das bedeutendste in der Geschichte der Kolingfamilie Am 28. Februar starb „Theodor“ Huber im Alter von 82 Jahren. Er vermachte Haus, Hof und Garten der KF Oberstdorf. Damit ging ein langgehegter Wunsch in Erfüllung: ein eigenes Haus. Mit viel Liebe wurde das Erdgeschoß für den Vereinsbetrieb ausgestaltet und am 18. Mai 1961 fand die erste Versammlung im neuen Haus statt. Der neugegründete Verein „Kolpinghaus Oberstdorf e.V.“ übernahm die Verwaltung und die nicht immer leichte Finanzierung. Bald zeigten sich auch die Sorgen, welche das neue Haus bereitete. Auch durch den Besitzerwechsel wurde seine 100-jährige Geschichte nicht aufgehoben; es blieb ein altes, aber bald liebgewonnenes Heim.
Das Vereinsleben nahm neuen Aufschwung. Die Mitgliederzahl wuchs wieder (1962: 105) und die nun fast wöchentlich stattfindenden Vereinsabende brachten einen bunten Querschnitt durch Religion, Politik und Kultur. Bedauerlicherweise zeigte sich schon damals, daß den Religionsvorträgen immer weniger Interesse entgegengebracht wurde. Ein Eintrag im Protokollbuch vom 6. Juni 1963: „Religionsvortrag. Sehr schlechter Besuch! Es scheint, so ein Religionsvortrag sei ein Abschreckungsmittel und halte vom Besuch der Versammlung ab!“
Unvergessen bleibt auch der Diavortrag von A. Schleich über seine Reise nach Griechenland und seinen Besuch auf dem „heiligen Berg Athos“ (4. Oktober 1962).

AM GRABE DES GRÜNDERS

Am Grab des Gründungspräses Johannes Schiebel † 18.2.1963
Am Grab des Gründungspräses Johannes Schiebel † 18.2.1963

Am 18. Februar 1963 starb der Gründungspräses, Joh. Schiebel. Drei Tage später wurde er auf dem Burgfriedhof in Schöllang beigesetzt. Vor einer unübersehbaren Menschenmenge und der ganzen Oberstdorfer KF würdigte Präses Schwandner seine Persönlichkeit: „Seine feierliche Gestalt mit dem Edelweiß auf dem Hut, mit wehendem Mantel, wieselflinkem Schritt, leichthin das Spazierstöckchen führend, war immer tätig für Gott und die Welt. Wir danken ihm für die große Ehre und die ungeheuchelte Liebe.“

UNVERGESSLICHES

Vier junge Oberstdorfer Kolpingsöhne (Theo Bruksch, H. Müller. J. Ohmayer, J. Hindelang) fuhren im September 1963 zu einem 14-tägigen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Monte Cassino (Italien). In einem vertonten Diavortrag schilderte Theo nach seiner Heimkehr, welche Gedanken ihn bei der „Versöhnung über den Gräbern” bewegt hatten. So sehr auch diese Abende (der Vortrag wurde mehrfach wiederholt) überfüllt waren, sie konnten über den immer schlechter werdenden Besuch der Vereinsabende nicht hinwegtäuschen.
Die Bergmesse am Rappenseekreuz am 3. Oktober 1965 bescherte den Teilnehmern ein unvergeßliches Ereignis: Theo und Gabi heirateten unter dem Baldachin des blauen Himmels, umgeben von den steinernen Säulen der ewigkeit. Zehn Jahre später, am 20. September 1975, gab Michael Thannheimer seiner Bärbel auf der Trettachspitze das Jawort.

DIE JUGEND

Um das Problem eines jeden Vereins von Grund auf zu lösen, die Sorge um den Nachwuchs, übernahm 1968 Peter Vehorn als Jungkolping­leiter diese Aufgabe. Es ist weitgehend sein Verdienst, daß heute die Jugendarbeit bei Kolping den breitesten Raum einnimmt. Am 23. November 1970 verunglückte der 25-jährige bei Fischen tödlich und wurde in seiner Heimat, Borken, beerdigt. Vier junge Oberstdorfer Kolpingsöhne überbrachten an seinem Grab die Dankbarkeit von uns allen.
„Mädchen bei Kolping, warum nicht?“ Was im November 1968 noch fast als ein Sakrileg angesehen wurde, ist heute ein fester Bestandteil unserer Vereinsarbeit. Was wären wir ohne Mädchen? Mit neuen Ideen, einem bezaubernden Charme und der ihnen eigenen Natürlichkeit werden sie auch in Zukunft unentbehrlich sein. Und oftmals sind sie auch Lückenbüßer, wo die Herren sich vor lauter Bescheidenheit (oder ist es Feigheit?) zurückziehen.

Klemens Schwandner   Präses von 1958 — 1970   † 11. August 1972 in Bozen.

Klemens Schwandner
Präses von 1958 — 1970
† 11. August 1972 in Bozen.

Am 15. Dezember 1968 wurde Präses Schwandner in Oberstdorf verabschiedet. Es war weitgehend sein Verdienst, daß die KF Oberstdorf zu einem eigenen Haus gekommen ist. Als Pfarrer von Altstädten baute er nun dort eine Kolpinggruppe auf und stand weiterhin der Oberstdorfer KF als kommissarischer Präses zur Verfügung. Am 11. August 1972 verstarb Pfarrer Schwandner während seines Urlaubs in Südtirol. Am 16. August wurde der erst 49-jährige Seelsorger in Altstädten beigesetzt.

DIESMAL EIN NEUES HAUS

Die 70er Jahre begannen mit der zwar schon oft aufgeworfenen, diesmal aber wie nie zuvor dringlichen Frage: Wie soll es mit unserem Haus weitergehen? Neubau, Umbau, Verkauf? Die Fenster des Kolpinghauses mußten ersetzt werden, die sanitären Verhältnisse drängten nach einer Lösung, Stall und Schopf waren am Einfallen, die Jugend brauchte mehr Räume. Fünf Jahre Hoffen und Bangen, Planen und KalkuIieren. Als dann Anfang 1975 die Pläne für den Neubau an der Oberen Bahnhofstraße bei der Gemeinde vorlagen, erhoben die Nachbarn Einspruch und prozessierten gegen den Neubau bis Mai 1976. Es waren schwere Jahre, die unserer Gemeinschaft viel abverlangten und wo oftmals die gegensätzlichen Ansichten der einzelnen voll zum Druchbruch kamen. Architekt Sepp Noichl, Oberstdorf, entwarf schließlich ein Haus, das sowohl der KF eine Heimat bietet als auch durch Einbau von Wohnungen eine sichere Finanzgrundlage für die Zukunft aufweist.
Am 10. Oktober 1975 begann die Firma Burlefinger mit dem Erdaushub, am 24. Dezember 1975 stand der Rohbau unter Dach. Begünstigt durch einen außergewöhnlich schönen Herbst und einen ebenso milden Winter konnte fast durchgehend gearbeitet werden. In Hunderten freiwilliger Arbeitsstunden halfen Kolpingsöhne mit, die Kosten zu senken und das neue Haus ein Gemeinschaftswerk werden zu lassen. Nun geht das Werk der Vollendung entgegen. Nach 75 Jahren hat der einstige Gesellenverein erstmals ein neues, schönes Haus. Keiner der Gründungsmitglieder durfte dies erleben, und neben dem derzeitigen Präses lebt von all den bisherigen zehn nur noch einer, Pfarrer Stiefenhofer in Haunstetten.
Aber die Idee lebt weiter, die Idee Vater Kolpings. Unsere Jugend wird sie weitertragen und in Jahrzehnten, bei der Hundertjahrfeier, einmal zurückdenken an jene Generation, die dieses Werk geschaffen hat. Vielleicht aber auch werden wir Heutigen vergessen sein!

Senioren des Gesellenvereins Oberstdorf 1900 bis 1975

13.05.1900 Josef Zeller
06.01.1901 Joseph Huber
06.01.1904 Anton Jäger
07.01.1906 Heinrich Dürr
06.01.1907 AndreasWirth
09.01.1910 Alban Frei
06.01.1911 Karl Sinz
06.01.1912 Leonhard Wallner
10.10.1914 Otto Kerle
06.01.1915 Karl Sinz
08.05.1916 Max Prestele
21.09.1916 Joseph Herberg
09.03.1919 Simon Aigner
19.04.1921 Dionys Guggemos
21.01.1923 Max Jäger
13.01.1924 Julius Euler
15.01.1928 Adolf Thannheimer
01.01.1930 Adalbert Lang
04.05.1930 Paul König
03.01.1932 Alois Koch
19.11.1933 Karl Witsch
14.04.1935 Ludwig Dentler bis 22.08.1938
1938 bis 1948 Verbot jeglicher Vereinsarbeit
06.06.1948 Xaver Fink
19.03.1949 Helmut Reich
26.03.1950 Franz Diringer
11.03.1952 Ludwig Herzog
14.03.1954 Georg Geg
23.10.1955 Albert Hagspiel
21.05.1958 AdolfSchleich
12.03.1961 Manfred Beer
29.03.1963 HubertMüller
19.03.1964 Albert Vogler
14.01.1968 Walter Moissl‚ bis 1.07.1968
13.03.1969 Theo Bruksch
14.01.1973 Umstellung laut neuem Statut:
1. Vorstand: Manfred Gohl
2. Vorstand: Albert Vogler

Präsides des Gesellenvereins Oberstdorf 1900 bis 1976

16.04.1900 - 06.10.1901 Johann Schiebel
06.10.1901 - 14.06.1909 Alois Eß
09.07.1901 - 26.09.1913 Dr.Georg Gromer
26.09.1913 - 30.06.1916 Josef Mayer
30.06.1916 - 04.01.1925 Johann B. Witzigmann
04.01.1925 - 11.10.1936 Ludwig Merk
11.10.1936 - 04.10.1953 Georg Zehter
04.10.1953 - 25.11.1956 Josef Baur
25.11.1956 - 02.10.1958 Hans Stiefenhofer
02.10.1958 - 15.12.1968 Klemens Schwandner
01.01.1971 - Manfred Gohl

Kreuze über den Wolken

Schon in den ersten Jahren nach der Gründung des Oberstdorfer Gesellenvereins waren Eucharistiefeiern und Andachten außerhalb des Ortes eine willkommene Gelegenheit, Natur und Gottesdienst zu verbinden, aber auch die Geselligkeit zu pflegen. Letzteres, zumal ja oft Frauen und Mädchen bei diesen Anlässen mit zugegen waren. So fanden die Bergmessen meistens unter den Gipfelkreuzen markanter Berge statt, aber auch unter dem Kreuz am Rappensee und in abgelegenen Kapellen. Auch Einladungen auswärtiger Gesellenvereine und Kolpingfamilien zu ihren Bergmessen nahmen die hiesigen Mitglieder immer gerne an.
So wurde außer an den Bergmessen am Rappensee, auf dem Fellhorn und am Schattenbergkreuz an den Messen auf dem Hochgrat, auf der Mittagsspitz bei Damüls und vor allem auf dem Grünten teilgenommen. Bei solch einer Gelegenheit wurde 1950 auf dem Grünten unser Banner geweiht.
Als die Rappenseemesse Ende der 30er Jahre bereits eine gewisse Tradition hatte, beschlossen die Oberstdorfer Mitglieder, ein großes Kreuz auf dem Hohen Licht (2650 m) zu errichten. Vielleicht geschah dies in weiser Vorahnung auf den bevorstehenden Krieg, aus dem so manches Mitglied nicht mehr zurückkehren sollte. Der Transport des Kreuzes am Sonntag, dem 11. September 1938, wurde auch zu einem richtigen Kreuzweg, an dem viele aktive Kolpingsöhne, aber auch einige Frauen und Mädchen teilnahmen. Noch heute verkündet die Inschrift des Kreuzes wie im Jahre 1938: „Ihr Berge und Hügel: Preiset den Herrn!“
Wenn jetzt auch vom Hohen Licht, dem zweithöchsten Berg des Allgäus, das Kreuz der Oberstdorfer Kolpingfamilie grüßte, so wurde doch weiterhin die traditionelle Bergmesse des Vereins unterm Rappenseekreuz abgehalten. Anfang der 60er Jahre wurde das Kreuz auf dem Hohen Licht gründlich überholt: Drahtseile und Anstrich hatten in den fast 30 Jahren doch schwer gelitten und mußten erneuert werden. Bei dieser Gelegenheit erinnerte man sich des einstigen Kreuzweges und gedachte jener Kameraden, die in fremder Erde unter schlichten Kreuzen ruhen.
Auch auf manch anderem Berg des Allgäus steht ein Kreuz mit dem Kolpingzeichen. Auf dem Ostgipfel der Höfats, errichtet von der KF Börwang; ferner ist zu nennen das Kreuz auf dem Kratzer, von der KF Kempten errichtet. Der nochmalige Versuch der KF Oberstdorf, ein großes Kreuz auf einem Berg zu errichten, und zwar auf dem Linkerskopf, kam nur im Fundament zur Ausführung: Fanatische „Naturfreunde“ verhinderten dieses Vorhaben. In dem überdimensionalen Fundament wurde als Kompromiß ein kleines, aber wetterfestes Kreuz verankert. Höhere Gewalten (oder aber irdisch rohe?) zerstörten in den folgenden Jahren auch dieses zur Ehre Gottes in den Lorettokapellen geweihte Kreuz.
Die Tradition der Bergmesse wurde nach dem Krieg fortgesetzt als Gedenkmesse an die verstorbenen und in beiden Weltkriegen gefallenen Kolpingsöhne Oberstdorfs. Welchen Anklang diese Bergmesse in den 50er Jahren bei der Bevölkerung fand, bewies die Tatsache, daß oftmals die gesamte Oberstdorfer Blasmusik anwesend war.
Hatte man jahrzehntelang diese Messe im Herbst gefeiert, so war dies ab Ende der 60er Jahre kaum noch möglich. Infolge des besonders im Herbst geballten Hochtouristenstromes wurde als neuer Termin der Frühsommer gewählt, wo die Heilige Messe zum festgesetzten Tag bei jedem Wetter stattfand, bei Regen oder Sturm in den Räumen der Rappenseehütte. Daß die Hütte am Vorabend eine besondere Belastungsprobe durchzustehen hatte, versteht sich von selbst. Dafür ein besonderer Dank den Hüttenwirten, zur Zeit Geißlers Heini.
Ebenso beliebt wie die Bergmesse waren bis in die jüngste Zeit auch die Maiandachten und Messen anläßlich kleinerer Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung unserer Heimat.
Besonders erwähnt mögen die Maiandachten an der Gaisalpe, in Gerstruben, in der Gschliefkapelle, in der Breitachklammkapelle und im Rohrmoos sein. Auch ein unvergeßlicher Ausflug mit Heiliger Messe zu der kleinen Kapelle an der Biesenalpe oberhalb von Rohrmoos sollte erwähnt werden.
Bei den jährlich stattfindenden Ausflügen mit dem Bus bildeten die an besonders sorgfältig ausgesuchten und historisch bedeutsamen Punkten abgehaltenen Gottesdienste den Höhepunkt der jeweiligen Fahrt.
In der sogenannten „Stillen Zeit“, gegen Ende des Jahres, in der „Heiligen Nacht“, haben immer wieder auch einige Kolpingsöhne den Präses begleitet zu der tiefverschneiten, mondhellen Kapelle in der Birgsau, um in der Mitternachtsmette dem menschgewordenen König der Welt ihre Huldigung zu bringen. Hier wie bei so mancher Bergmesse oder Maiandacht konnte dem nachdenklich und still gewordenen Freund Adolf Kolpings das gegeben werden, was er im Lärm des Alltags nicht zu finden vermochte: Besinnlichkeit, Wärme und etwas Trost.

Isa Hüs!

Das ,,Alte'' Kolpinghaus in der Nebelhornstraße
Das ,,Alte'' Kolpinghaus in der Nebelhornstraße

75 Jahre mußten ins Land gehen, bis ein Traum in Erfüllung ging, ein eigenes Heim für die Kolpingfamilie Oberstdorf!
Blicken wir zurück:
Schon bald nach der Gründung ergriff viele Mitglieder der Gedanke: „ein Gesellenhaus sollt’ man halt haben“, denn damals hieß es ja noch Gesellenverein. Sicher war es schon damals nicht das Streben nach Besitz, sondern sie wollten den Gedanken Vater Kolpings verwirklichen, den Mitgliedern eine Stätte der Zusammenkunft und den wandernden Gesellen eine Unterkunft zu bieten. Diese Aufgabe übernahm dann für 40 Jahre der Gasthof Adler. Einige Überlegungen und Pläne entstanden, aber in den 20er Jahren machte die Wirtschaftskrise und in den 30er Jahren die politischen Verhältnisse diesen Gedanken ein Ende.
Ein paar Treue und Unentwegte fanden sich bald nach Kriegsende wieder zur Kolpingfamilie Oberstdorf zusammen. Gleich Anfang 1950 ging es dann auch schon wieder mit Schwung ans Planen für ein Kolpinghaus. Der damalige Präses Zehter erhielt auch vom Pfarrer J. Rupp die Zusage für einen Bauplatz. Pläne wurden gefertigt, Verhandlungen geführt und die ersten Bausteine verkauft. Um so enttäuschter waren dann viele Mitglieder, als es doch nicht klappte. Es ist heute schwierig, alle Gründe zu sehen und aufzuzählen, die zum Scheitern führten. Die finanzielle Seite, die Größe, die Betriebskosten, die Grundstücksfrage und personelle Probleme — es sollte halt nicht sein!
Aber allen Schwierigkeiten zum Trotz — es wurde weiter geträumt. So geschah 1961 dann wirklich das Wunder!
Am 28. Februar 1961 starb Theodor Huber und vererbte seinen Gesamtbesitz dem Ludwig-Missionsverein. Das Testament enthielt die Auflage, das Haus an der Nebelhornstraße 11 mit einem dazugehörigen Gartengrundstück an die Kolpingfamilie Oberstdorf, mit ihrem damaligen Präses Clemens Schwandner, abzutreten. Um diesen Besitz antreten zu können, mußte ein eigener e. V. gegründet werden. Unsere Freude war unbeschreiblich und bald darauf saßen wir bei der ersten Versammlung in „Theodors Stube“ um den Kachelofen. Da immer mehr Jugendliche zur Kolpingfamilie stießen, mußte mehr als einmal die Türe ins „Gade“ geöffnet werden. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis wir die zwei Zimmer zu einem netten gemütlichen Raum verwandelten.
Bald aber zeigte es sich auch schon, daß ein altes Haus ohne größere Einnahmen für einen Verein nicht zu erhalten ist. Die ersten Reparaturen und Veränderungen wurden mit viel Idealismus ausgeführt. So das Dach ausgebessert, das Kamin erneuert, ein Zimmer ausgeb aut, der Keller hergerichtet, der Stall für ein Lager geändert, neue Fensterstöcke gesetzt und eine Toilette installiert. Trotz all’ diesem mußte der e.V. neue Wege suchen.
Viele Veränderungen und neue Möglichkeiten prüften und erörterten die Mitglieder der Kolpingfamilie. Einen Umbau, Ausbau, Verkauf, ein anderes Grundstück, Zusammenbau mit Nachbarn, Teileigentum, das Pfarrzentrum, ein Neubau und noch viele Ideen beschäftigten uns.
Endlich, nach 13 Jahren, im Herbst 1974, wurden neue Weichen gestellt. Nach zähen Verhandlungen mit dem Kolpingwerk, der Diözese, der Gemeinde und den verschiedensten Interessenten entschieden wir uns für das Projekt an der Oberen Bahnhofstraße 10. Es beinhaltet einen Tausch mit Herrn Fidel Huber. Wir geben unser Grundstück mit Haus an der Nebelhornstraße und erhalten dafür sein Grundstück an der Oberen Bahnhofstraße zuzüglich einer Tauschaufgabe in bar.
Endlich konnten wir auf ein Ziel zugehen, und bald schon besprechen wir unsere Wünsche mit dem Architekten, Herrn Sepp Noichl. Es entstanden Pläne für ein Haus im Rahmen unserer räumlichen und finanziellen Möglichkeiten. Leider mußten wir wegen der Einsprüche von Nachbarn noch ein dreiviertel Jahr warten, bis wir die endgültige Baugenehmigung in Händen hatten.
Das neue Haus soll im Keller Jugend und Bastelräume, im Erdgeschoß eine Stube, eine Teeküche und einen Saal für etwa 80 Personen erhalten. Um die finanziellen Lasten zu tragen sind im ersten und zweiten Stock je zwei Wohnungen untergebracht. Am 10. Oktober 1975 konnte endlich mit dem Bau begonnen werden, und schon Weihnachten konnten wir Hebauf feiern. Zur Zeit ist der Innenausbau an der Reihe, und wir hoffen, daß alles auch weiterhin so gut läuft. Wenn wir dann an unserer 75-jahr-Feier das Haus einweihen können, sollen ja alle ein neues, heimeliges Haus betreten, in dem hoffentlich für viele Jahre der Geist Adolf Kolpings weht, der uns alle so begeistert hat.
Ein kurzes Wort der Erinnerung und des Dankes möchte ich noch anbringen an alle, die die Idee Vater Kolpings in Oberstdorf hochgehalten und verteidigt haben. Theodor Huber für seine großzügige Erbschaft, Präses Schwandner für seinen unermüdlichen Einsatz, dem e.V. für seine viele Arbeit, dem Architekten und den ausführenden Firmen für ihre Tätigkeit.
Allen Mitgliedern und Freunden der Kolpingfamilie für ihre Mitarbeit, die freiwilligen Arbeitsstunden und die finanziellen Opfer, die sie gebracht haben, damit wir nun sagen können „unser Haus“.
Laßt uns aber bedenken, wir stehen alle nur in einer Reihe, und es war sicher nicht unser Verdienst, daß gerade wir es bauen und das unsere dazutun durften. Möge Gottes Segen weiterhin auf diesem Hause und der Kolpingfamilie Oberstdorf ruhen.

Rampenlicht und Bühnenzauber

„Die Erlenmüllerin" Theaterstück des Oberstdorfer Gesellenvereins, 1921
„Die Erlenmüllerin" Theaterstück des Oberstdorfer Gesellenvereins, 1921
Die Kolpingfamilie spielt wieder Theater!
Was ist’s um die Welt auf schwankenden Brettern, in Schminke und geliehener Robe, scharf gezeichnet im Gleißlicht elektrischer Sonnen?
Nach wochenlangen Proben ist es endlich soweit — im ganzen Dorf bekannt — heute Premiere in der Turnhalle: „Die Schatztruhe“.
Das Lampenfieber steigert die Spannung der Laienspieler hinter den Kulissen ins Unerträgliche und es ertönt der erste Gong. Der Requisiteur überfliegt nochmals die nötigen Utensilien für den ersten Auftritt: „Halt, noch den Nachttopf unter das Bett!“ Zischelnd nötigt der Spielleiter zur Ruhe, erteilt händeringend letzte Anweisungen, während draußen vor dem Vorhang die Leute in Erwartung der Dinge noch ahnungslos miteinander plaudern. Nach dem letzten Gong verglimmen die Leuchten des Saales und jäh verstummt das unentwirrbare Durcheinandergerede des Publikums, als endlich sich der Vorhang lüftet. Und hundert Blicke bannen mit dem Licht der Scheinwerfer den ersten Auftritt zweier „Patienten“ im Krankenzimmer X irgendeines Spitals. (Nüchtern zwei weißgestrichene, eiserne Einheitsbettstellen auf der Bühne.)
In wenig ritterlichem Aufzug erhebt sich eine dürre Gestalt, lugt nach dem unbekannten Alten, der neben ihm auf der durchgelegenen Matratze schmachlet: „Guten Morgen, Herr Nachbar — gut geschlafen?“ Der alte Pirker: „Woll, woll ... Avenarius: „Sie gestatten, mein Name ist Avenarius — ich bin Schauspieler!“ Pirker: „So?, so ..., i bi eigentlich gar nix!“
Avenarius: „O ja, ich bin Schauspieler!“ (Heftiger Ausbruch:) „Ach, einmal noch da droben stehen dürfen, Menschen bezaubern, Menschen beherrschen, Menschen darstellen! So habe ich in jungen Jahren den Hamlet gespielt — allerdings nur in Vertretung — (er nachtwandelt auf die Bühnenkante zu, rafft dort seinen Spitalmantel wie einen Hermelin und deklamiert pathetisch):
„Wer trüge länger noch des Lebens Plage, den Übermut der Ämter und die Schmach ... — könnt” er‘s mit einem Nadelstiche enden?“ Später dann — den Geist des alten Hamlet auf der Schloßterrasse: hui — pfeift der Wind — und jetzt ich: „Der Glühwurm zeigt, daß sich die Frühe naht, und sein unwirtsam Feu‘r beginnt zu blassen.“ Und zum Schluß, beim Totengräber: „Ach — armer Yorick!“
Pirker: „Schschön ...
Avenarius: „Ja, von allenStänden ist der des Schauspielers der göttlichste ... Ich leihe mir sogar die Stimme Gottes — nicht einmal der Priester hat dieses Recht. (Stellt sich in gewichtige Positur): „Stellen Sie sich vor: Die Tür da — das ist die Domtür, Salzburg — Jedermann! Aus meinem Munde ertönt die Stimme des Herrn: „Wo bist du, Tod, mein schneller Bot?“ — und der Tod tritt durch die Tür. (Krankenschwester tritt plötzlich ins Zimmer)
„Was ist los? Was röhren Sie denn so wie ein Waldesel? Ihr zwei werdet morgen entlassen!“
Avenarius: „Aber Schwester, ich glaube, mein Drüsenhaushalt —“ Schwester: „Strengen Sie sich nur nicht an, Herr! Solche Geschichten können Sie dem Herrn Professor erzählen, aber nicht mir, einer alten Krankenschwester!“ — Soweit eine unvergeßliche Szene aus dem letzten „großen“ Theaterstück, einem Lustspiel von Ernest Henthaler, das die Kolpingfamilie im Spätherbst 1959 aufführte.
Die Figur des Simulanten und Habenichtses Avenarius, der sich auf Gemeinkosten mitleiderregend in immer wieder anderen Spitälern „gesund-erhalten“ läßt, ist unter gewissen Aspekten symbolisch für die Person des Laienspielers und dessen, was sie in ihrer Rolle erwirkt: Da wird der fleißige Spengler zum geldgierigen Großbauern und Bürgermeister, der gewohnte Schuhmachermeister findet sich im strengen Talar zum gütig-weisen Geistlichen Rat, die unauffällige Angestellte verwandelt sich zum geifernden Hausdrachen. Der Sinn der vertauschten Rolle des doch am Ort allen wohlbekannten Darstellers erschöpft sich nicht allein im Kuriosum der Maske, sondern gilt der Interpretation des Wesens „Mensch“ im Spannungsbogen seines vielgestaltigen Schicksals, das überjede Lebensäußerung und über alle Leidenschaft verhängt ist.
Das Theater zeigt uns in mannigfacher Weise das, was uns alle interessiert: Den Menschen, der sich zwischen Geburt und Tod mit seiner Welt auseinandersetzt in der vorgefundenen Bipolarität aller Begriffe, verirrt in Sünde, oder gefunden in göttlich gefügter Geborgenheit.
Es ist selbstverständlich, daß der Katholische Gesellenverein Oberstdorf von Anbeginn im fleißig geübten Theaterspiel eine gesellschaftsbildende, öffentliche Aufgabe wahrnahm. Schon im Gründungsjahr wurde als großartiger Auftakt mit 22 Mitwirkenden im Saal zum „Löwen“ in Oberstdorf am 8. Dezember 1900 das „Vaterunser“ erstmals aufgeführt.
Diese Erinnerung hat unversehens das Rad der Zeit zurückgedreht, was nur im Theater möglich ist. Der hiesige Gesellenverein wird mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts in einem Ort gegründet, dessen Bürger überwiegend noch von bäuerlicher Tradition und zum geringeren Anteil von einer recht vielfältigen Handwerkerschaft geprägt sind. Der Strom fremder Erscheinungen überflutete noch nicht das stille Oberstdorf. Jeder zugewanderte Handwerksgeselle bestellte ungewollt mit seiner Ankunft einen neuen Lokalbeitrag zum Dorfgerede. Wohl wenige leisteten sich damals einen redigierten Anzeiger und wer dachte daran, daß schon in wenigen Dezennien das Publikum mit Radiotechnik und soviel Gedrucktem übersättigt würde. Was Wunder, daß man damals mit Lust das Ohr am Puls der Welt und Freude eben am Theater sowie an aller selbstgemachten Unterhaltung hatte. Aus dieser Zeit berichtet das Vereinsprotökoll immer wieder, daß das Theater ein großer Erfolg war und einmal: „Etwas mag dazu beigetragen haben, daß sonst nichts los war.“ Zur Aufführung des „Vaterunser“ wurde „ein Theater (Kulissen) von dem hiesigen Gesangverein entlehnt, da der Ankauf des angebotenen Gesellen­vereins­theaters in Immenstadt zu teuer kommt.“
Zu erwähnen ist noch, daß damals, wie oft später, der „Oberstdorfer Zitherclub“ die schauspielerischen Darbietungen musikalisch umrahmte. Zu Ostern 1901 wurde das Drama „Die Beatushöhle“ unter Mitwirkung von 48 Spielern aufgeführt. Ein erstaunliches Aufgebot, welches darauf schließen läßt, daß zu dieser Zeit das Mitspielen beim Laientheater noch ein Dürfen und eine Ehre war.

In den folgenden Jahren wurde fleißig gespielt, zum Anfang im „Löwirt“, dann oft im „Hotel Trettach“, gelegentlich auch in anderen Gasthäusern, später im „Baur“ und in der Turnhalle. Zu allen Gelegenheiten bot man Stücke, von heiteren Schwänken bis zu dramatischen Schauspielen, bis zur „Schatztruhe“ über 50 Theaterspiele. Titel wie „Die Hexe vom Karrenberg“, „Das Gebet auf dem Friedhof“, „lm Hungerjahre“, „Privatier Wamperl auf der Mädelegabel“, „Die Junggesellensteuer“, „An seines Kindes Grab“, „Das letzte Spiel“, „Der sanfte Heinrich“, „Kerker und Freiheit“, „Die Zigeunerin von Rocca Valla“ stimmen allein schon zu einem Reigen in allen Schattierungen menschlicher Empfindung.
Es sei noch erinnert an Regisseure bzw. Spielleiter wie Ludwig Bartl, nach dem 2. Weltkrieg Kunstmaler Rosen, und mit den letzten Stücken „Das Wunder des heiligen Florian“, „Die Verfemten“ und der schon erwähnten „Schatztruhe“ an Hans Kuhn.
Die Kulissen fertigten die Gesellen selbst. Auch dies ist ein Zeugnis dafür, wieviel Idealismus man aufbrachte, anderen Freude zu machen. Viele Namen, die bei Gott aufgeschrieben‘sind, müßte man noch dankbar nennen.
Die Erträge des Theaterspielens flossen dem Verein zu, auch wurden sie anderen guten Zwecken zugeführt. So zum Beispiel ein Bericht von der Generalversammlung 1921, geschrieben von Präses Pfarrer Witzigmann: „Sie waren auch in den Fastnachtstagen in Scharen gekommen, um die ebenso lsutige als gut gespielte Posse ,Heiratsnärrisch Volk‘ zu sehen, um den Verein bei einem guten Werk zu unterstützen. Der Ertrag des Spieles — 900 Mark — wurde nämlich dem Fond für neue Kirchenglocken überwiesen.“
Daß für die Spieler bei aller Mühe stets die Freude am Spiel, die netten Ereignisse und persönlichen Begegnungen während der Proben und Aufführungen sowie das abschließende Theaterkränzle die bewegenden Elemente waren, steht außer Zweifel. Daß Mädchen gerne mitspielten, verkündet uns das Protokoll vom 13. März 1901: „ ... als Fahnenjungfrauen werden die 15 beim Theaterstück Beatushöhle mitspielenden Fräulein genommen.“ Am 16. Januar 1903 sagt die Niederschrift: „Den Theaterspielern soll als Entschädigung eine Schlittenpartie vorgeschlagen werden, vielleicht nach Hindelang.“
Unser liebseliges Mitglied Max Jäger, genannt „Kiefer-Dunelars-Mäxl“, war Schustergeselle und ein Original auf der Bühne derart, daß man nie wissen konnte, mit welchen unvorhergesehenen Zugaben er die Szene würzen würde. So erzählte er gerne von einer komischen Panne, die ihm bei der Aufführung „Das letzte Spiel“ passierte:
„Do bin i mit Zobl’s Clemens allui of dr Bihne an am groaße Tisch ghocket, dea dinet und i hinet. No hon i grad it gewißt, wienes witer goht. Nocha hon i halt gherig a der lange Pfiefe g'räucht und zu Clemense Grimassa num gmacht. Und i merk it, daß mir dea Pfiefekopf of de Tisch fällt und hofele s’Throhle afocht und gonz duß, am usserschte Eck schtong bliebt. Nocha will i de Tabak nocheschtoare und lange mit m Finger i de Sack und ho clean kähle Pfiefesaft am Finger. Horgott händ die Lit glachet ... hä - hä - hä!“


,,Was aber immer nötig ist, das ist die Freude, die rechte Fröhlichkeit, die aus dem frischen, fröhlichen Glauben hervorgeht.''

Adolf Kolping

75 Jahre Kolping — 10 Jahre Jungkolping

Seit 10 Jahren sind wir nun dabei. 10 Jahre, in denen die immer neuen Ideen der Jugend das Vereinsleben der KF verjüngt haben. Jeder Verein braucht die Jugend. Sie bildet die Basis für das Fortbestehen. Sie ist das Blut, das das Herz durchzieht und es immer weiterschlagen läßt. Wenn das Blut aufhört zu fließen, hat das Herz keine Nahrung mehr und steht still. Die Aufgabe der älteren Generation ist es, dafür zu sorgen, daß es immer verantwortungsbewußte junge Leute gibt, die das Herz nie zum Stillstand kommen lassen. Und wenn diese jungen Leute dann alt sind und ältere Generation sich nennen, müssen auch sie wieder Verständnis aufbringen und das Vertrauen junger Menschen gewinnen, die bereit sind, die Jungkolpingarbeit zu übernehmen. Das Generationenproblem wird es immer geben. In jeder Gemeinschaft, wo jung und alt aufeinandertreffen, besteht das Problem und wartet darauf, gelöst zu werden. Man kann es nicht lösen. Man kann es nur austragen: Menschlich austragen, das heißt durch gegenseitige Toleranz, offene Gespräche und die Bereitschaft, einen guten Mittelweg zu finden. Bei einem Problem zwischen jung und alt ist es wie mit einem Pyramidenbau. Man beginnt an den zwei Außenpunkten zu arbeiten und baut einen Stein nach dem anderen, um zur Spitze zu kommen. Schauen wir zu, daß wir wie in der Vergangenheit auch in Zukunft immer zu dieser beiderseitigen Spitze gelangen.

JOSEFS STARTSCHUSS 1966

Zitat aus der Rede des Seniors Albert Vogler in der Generalversammlung vom 14. Januar 1968: „Ganz besondere Mühe hast auch Du Dir, Josef, mit der Leitung der Jungkolpinggruppe gemacht, wenn Du auch selbst nie zufrieden bist. Ich glaube, die Jungen werden es Dir bestätigen.“
Die 10 Pioniere von JK trafen sich in den zwei Jahren, in denen Josef Hindelang JK-Leiter war, regelmäßig jede Woche am Dienstag. Eng war auch die Zusammenarbeit mit der KJG unter der Leitung von Werner Born. Als vorbildlich in dieser Zeit wird die sportliche Betätigung der Jungengruppe genannt und die Zusammenarbeit mit Altkolping beim Ausbau der Kellerräume.

JUNGKOLPING WÄCHST UNTER PETER VEHORN

Als Nachfolger von Josef Hindelang wurde Peter Vehorn, ein Preuße aus Borken, bei der Generalversammlung 1968 zum neuen JK-Leiter gewählt. Durch seine überall beliebte Freundlichkeit und Menschlichkeit fanden immer mehr Jugendliche Vertrauen zu ihm und der Kolpingfamilie. Schon nach einem Jahr war JK erstmals mit zwei Gruppen vertreten.
Höhepunkte der JK-Geschichte im Jahre 1968:
27./28. April: Besuch der KF in München zu ihrem 10-jährigen Bestehen.
August: Hüttenlager in Nesselwang.
14. November: Diskussionsabend — Mädchen in der KF — warum nicht? (Drei Jahre später wurde die Antwort auf diesen Abend gegeben.)
15. Dezember: Kolpinggedenktag: Zitat aus der Abschiedsrede von Präses Schwandner: „Ohne Peter Vehorn wäre der Neubau von JK heute wohl schon eine Ruine. Großartig hat er das gemacht.“
Auch im Jahre 1969 verstärkte er seine Aktivitäten bei JK und hatte in Michael Thannheimer und Fredy Vogler Mithilfe für die immer größer werdenden Arbeiten bei JK gewonnen.
Als er 1970 Charly Lindauer als Gruppenführer einsetzte, ahnte niemand, daß dieser schon bald sein Nachfolger werden würde. Bei einem tragischen Verkehrsunfall am 23. November 1970 verunglückte Peter Vehorn tödlich. Bei der Beerdigung in seinem Heimatort Borken nahmen seine Jungen Abschied von dem Mann, der durch seine große Verbundenheit zum Werk Kolpings und sein gelebtes Christ-sein der KF beim Aufbau der Jugend unersetzliche Dienste geleistet hat.

1971 KOLPINGJAHR DER FRAU

Nach dem Tode Peter Vehorns hatte der neugewählte Jungkolpingleiter Charly Lindauer die schwierige Aufgabe, Jungkolping wieder neu aufzubauen. Als Startkapital standen ihm hierbei 5 Jugendliche zur Verfügung. Durch Veranstaltungen, die den Bedürfnissen der Jugendlichen entsprachen, und durch intensives Werben von Mitgliedern stieg die Mitgliederzahl stetig.
Bis zum Sommerhüttenlager in Nesselwang zählte die Gruppe 11 Jugendliche im Alter von 16 Jahren. Eine zweite Gruppe, die Fredy Vogler leitete, beherbergte 6 Jungen im Alter von 14 Jahren. Bei dem Sommerhüttenlager in Nesselwang erlebten dann 16 Jungen ein Leben in der Gemeinschaft, das ihr Zugehörigkeits­gefühl zur Kolpingfamilie wesentlich verstärkte.
In einer alten Hütte, in der man fast nichts mehr kaputtmachen konnte, durften sich die Teilnehmer eine Woche lang austoben. Nach dem Hüttenlager übernahm dann Hans Wirth die Gruppe von Fredy Vogler.
Ein entscheidender Schritt nach vorn war dann im Oktober die erste Gruppenstunde, die mit Mädchen abgehalten wurde. Die Jungen von Charlys Gruppe hatten ihren Gruppenleiter immer mehr mit der Frage bedrängt, warum es im Kolping keine Mädchen gibt. „Wenn ihr Mädchen wißt, die Interesse an Kolping hätten, dann können wir es ja mal versuchen“, hatte Charly seinen Mitgliedern geantwortet. Und die Jungen wußten Mädchen, die Interesse hatten. Mitte Oktober 1971 konnte die erste Mädchenleiterin, Helene Roob, die erste Gruppenstunde durchführen.

1972 — DIE ERSTEN WEIBLICHEN MITGLIEDER WERDEN OFFIZIELL AUFGENOMMEN

Als historischer Tag kann der 11. Mai 1972 in der Vereinsgeschichte der Kolpingfamilie Oberstdorf bezeichnet werden. Eine Maiandacht in Gerstruben bildete den Rahmen, als Präses Gohl 9 Mädchen die Ausweise für ihre Mitgliedschaft zur Kolpingfamilie bei der Neuaufnahme aushändigte. Die strahlenden Mädchen waren die ersten weiblichen Mitglieder in der Kolping­familie Oberstdorf.
Nach dem Wegzug von Helene Roob aus Oberstdorf im Frühjahr 1972 übernahm ihre Schwester Paula die Mädchengruppe. Die Mädchengruppe traf sich jeden Freitag zur Gruppenstunde. Die Leitung der Gruppe der 15jährigen Jungen hatte im Januar Reinhard Seitz übernommen. Charly Lindauer hielt seine Gruppenstunde mit den nunmehr 17jährigen jeden Mittwoch ab. Das erste gemeinsame Fahrterlebnis der Mädchen und Jungen war der Diözesanjungkolpingtag in Kaufbeuren, dem im Sommer ein gemeinsames Hüttenlager in Thalkirchdorf folgte.
Das Hüttenlager verstärkte die Gemeinschaft zwischen den Mädchen und Jungen und wurde im nachhinein von allen als positiv bezeichnet. Das Hüttenlager bildete die Basis für eine zukünfte bessere Zusammenarbeit zwischen den Gruppen.

DIE JUNGKOLPINGLEITERRUNDE WIRD GEBOREN

Durch die sich häufenden Aufgaben bei Jungkolping war es unerläßlich geworden, ein Team zu schaffen, in dem sich die Gruppenleiter besprechen und gemeinsam ihre Arbeiten vorbereiteten. Der Leiterrunde gehörten die Leiter der Gruppen, der Jungkolpingkassier und der Schriftführer an. Die Aufgabe der Runde bestand darin, die Programme der einzelnen Gruppen zu koordinieren und gemeinsam vorzubereiten. Schwierigkeiten und Probleme innerhalb von Jungkolping wurden aufgegriffen, besprochen und gemeinsam zu beseitigen versucht. Die Jung­kolping­leiter­runde hat sich im Laufe der Jahre erheblich vergrößert und ist inzwischen zu einem lebensnotwendigen Gremium geworden. In der Leiterrunde werden die grundsätzlichen Ziele der christlichen Jugendarbeit besprochen. In ihr wachsen auch die neuen Gruppenleiter heran und somit die Basis der Jungkolpingarbeit.

1973 — JAHR DER ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

Da die Jungen der Gruppe von Charly Lindauer das Alter erreicht hatten, in dem sie von der Gruppe Jungkolping zur Gruppe Kolping (jetzt Gruppe Junge Erwachsene) übertreten, trat Charly Lindauer als Jungkolpingführer zurück und wurde Leiter der Gruppe Junge Erwachsene, die vorher Theo Bruksch geführt hatte. Bei der Generalversammlung im Januar wurde als neuer Jungkolpingführer Reinhard Seitz gewählt. Die bisherige Mädchenleiterin, Paula Roob, wurde einstimmig in ihrem Amt bestätigt.
Noch im Januar konnte Jungkolping zwei neue Gruppen in ihren Kreis aufnehmen. Monika Lindauer wurde die Leiterin der neuen Mädchengruppe, die im Alter von 12 bis 14 Jahren waren. Die gleichaltrige Jungengruppe übernahm Albert Hindelang. Die älteste Mädchengruppe von Jungkolping wurde bis zum Sommer von Paula Roob geführt. Da Paula sich nach dem Sommer bei einer Schule in Augsburg anmeldete, übernahm zu diesem Zeitpunkt Christiane Kaiserswerth ihre Gruppe. Christiane konnte die Gruppe jedoch nur 3 Monate leiten. Als nach 3 Monaten keine neue Gruppenführerin für diese Gruppe gefunden werden konnte, gingen die Mädchen geschlossen in die Gruppe Junge Erwachsene über. Die erste gemischte Gruppe war entstanden.
Das Jahr 1973 brachte jedoch auch für die neugegründete Gruppe von Albert Hindelang eine Veränderung. Aus schulischen Gründen konnte er seine Gruppe im Herbst nicht mehr weiterbetreuen. Für ihn übernahm Josef Franz (Joschi), der aus dem Frankenland nach Oberstdorf gezogen war, die Leitung.

GRÜNDUNG EINER JK-Theatergruppe

Regnerisch und kalt war das Wetter am Sonntag, dem 6. Mai, als die JK-Theatergruppe zu der ersten Aufführung ihres Stückes „Kellergäste“ einlud. Brechend voll war dann auch der Saal des BRK-Altenheimes, als die Laienspieler den Zuschauern 75 Minuten Spannung und befreiende Heiterkeit boten. Der Leiter der Theatergruppe, Reinhard Seitz, und seine 11 Akteure wurden von ihrem ersten Erfolg so angespornt, daß sie die Kriminalgroteske im Altenheim wiederholten und auch in Sonthofen und Altstädten zur Aufführung brachten. Ein eindrucksvolles Erlebnis war sicher die Freilichtaufführung auf dem Oberstdorfer Campingplatz vor 300 Zuschauern aus den verschiedensten Ländern. Das Leben der Theatergruppe war jedoch von kurzer Dauer. Mit den zeitkritischen Weihnachtsstücken „Station Weihnachten“ und „Von Krieg und Frieden“, die an den darauffolgenden Weihnachten in der Oberstdorfer Pfarrkirche aufgeführt wurden, stellte sich die Theatergruppe das letztemal der Öffentlichkeit vor.
Das Stück „Station Weihnachten“, das vom Sinn des eigenen Lebens und dem Sinn des Weihnachtsfestes handelte, animierte einen Besucher des Gottesdienstes so, daß er zum Nachdenken über sein eigenes Leben kam. Mit einem Scheck von 300 DM, der der Mission zugute kam, und dem Satz, daß ihn das Theaterstück geholfen hatte, sein eigenes Leben besser zu sehen, bedankte er sich bei Jungkolping.

1974 — JAHRESTHEMEN — LAGER IM AUSLAND — AKTIONEN

Wie im Jahr 1973 mußte auch dieses Jahr die Gruppe im Alter von 14 Jahren einen Gruppenleiterwechsel hinnehmen. Als Josef Franz (Joschi), der im Herbst die Gruppe übernommen hatte, im Frühjahr nach Kempten zog (er hatte geheiratet), konnte nicht gleich ein Gruppenleiter gefunden werden. Die Gruppe war bis zu den Sommerferien herrenlos, hielt aber trotzdem zusammen und wurde dann von Michael Lindauer übernommen.
Gleich zu Beginn des Jahres befaßte sich die Jung­kolping­leiter­runde mit dem Problem, wo man in diesem Jahr ins Hüttenlager hinfahren könnte. Da es beim letzten Hüttenlager mit dem Hüttenwirt in Thalkirchdorf Schwierigkeiten gegeben hatte, entschloß man sich, in diesem Jahr anderswo hinzufahren. Bei der Suche nach einer neuen Bleibe im Sommer stieß man jedoch auf Schwierigkeiten. Erst mit Hilfe von Benefiziat Gohl wurde dann ein entsprechender Fleck auf der Landkarte ausfindig gemacht.

TERLAGO — MITTEN IN DER WILDNIS

33 Mann hatten sich für das Hüttenlager angemeldet. Nur mit einem großen finanziellen Zuschuß konnte die Fahrt angetreten werden. Man fuhr mit dem Zug nach Kempten, stieg um in Richtung Innsbruck, erreichte Innsbruck eine Minute vor Abfahrt gerade noch den Anschlußzug und kam nach elfstündiger Zugfahrt in Trient an. Die anstrengende Reise hatte sich jedoch gelohnt. Vor den Jungen und Mädchen erstreckte sich 20 Kilometer von Trient entfernt ein riesiges Buschgelände unterhalb des Paganellagipfels, das nun fast ihnen allein gehören sollte. Bungalows (ein vornehmer Ausdruck), die in Rufweite auseinander lagen, dienten als Unterkunft.
Die Verpflegung, die eine Familie aus Innsbruck übernommen hatte, wurde in einem Gemeinschaftshaus mitten im Buschgelände eingenommen. Ein malerisch gelegener Bergsee 20 Minuten vom Bungalowdorf entfernt, diente in den sieben heißen Tagen als Abkühlungsort. Fußballspiele, Geländespiele und Streifzüge durch die wilde Landschaft brachten genügend Abwechslung in das Leben fernab der Zivilisation. Braungebrannt, gut erholt und voller Erinnerungen kamen alle 33 Mädchen und Jungen wieder gesund in Oberstdorf an.

JAHRESTHEMEN FÜR DIE GRUPPEN

Die zwei Jungen- und zwei Mädchengruppen arbeiteten gleich zu Beginn des Jahres ein Programm aus, das der Foderung Adolf Kolpings „Ich will frische, fröhliche, junge Menschen, die den Mut haben, etwas Rechtes zu machen aus sich und der Welt“ entsprach.
Neben fröhlichen und geselligen Gruppen­stunden hatten die Gruppen zwei Jahresthemen erarbeitet, die ihnen bei ihren Problemen und in ihrer Weiterbildung helfen sollten.
Die Jungen- und Mädchengruppen im Alter von 12 bis 14 Jahren hatten sich das Jahresthema „Wir lassen uns (nicht) manipulieren“ zum Ziel gesetzt. In Gruppenabenden, die über das ganze Jahr verstreut waren, wurde aufgezeigt, wie der Mensch von verschiedenen Institutionen wie Rundfunk, Presse, Fernsehen und von den unzähligen Werbemethoden gesteuert wird. Das ‚Ziel der Abende war, eine Hilfe zu geben, wie man sich gegen diese Steuerungen — sprich Manipulationen — wehren kann.
Die 16jährigen Mädchen und Jungen hatten sich als Jahresthema „Freundschaft — Liebe — Sex“ ausgesucht. Hier wurde in den Gruppenstunden versucht, durch Fachleute Hilfen anzubieten, die zur Lösung der Probleme dienen, die den jungen Menschen gerade in der Pubertätszeit bedrängen. Fragen und Unklarheiten, die im Elternhaus oft nicht beseitigt werden, wurden im Kolpinghaus besprochen und geklärt. Die zahlreiche und aktive Teilnahme der Gruppenmitglieder bei diesen Jahresthemen zeigten der Kolpingfamilie, daß sie in Zukunft mehr denn je den Fragen und Forderungen der Jugendlichen gerecht werden müssen.

1975 — PERSONELLE VERÄNDERUNGEN UND NEUE GRUPPEN

Ein völlig neues Gesicht bekam die Jung­kolping­leiter­runde gleich zu Beginn des Jahres im Januar. Durch das bevorstehende Abitur sah sich die bisherige Mädchenleiterin, Monika Lindauer, gezwungen, von ihrem Amt zurückzutreten. Der Jungkolpingleiter, Reinhard Seitz, mußte sein Amt ebenfalls durch den Einzug zur Bundeswehr abgeben. Zum neuen Jungkolpingleiter wurde Hubert Werner, der aus Helmstedt nach Oberstdorf gezogen war — ernannt. Er war somit nach dem verstorbenen Peter Vehorn der zweite „Preuße“, der als Jungkolpingleiter fungierte. Für die zurückgetretene Monika Lindauer konnte noch keine Nachfolgerin als Mädchenleiterin gefunden werden. Ihre Gruppe hingegen übernahm Monika Berktold (die Gruppenmitglieder mußten sich wenigstens an keinen neuen Vornamen gewöhnen). Die gemischte Gruppe von Reinhard Seitz übernahmen der neue Jungkolpingleiter Hubert und die Jungkolpingkassiererin Gitti Fischer. Bei der Jungengruppe von Michael Lindauer blieb alles beim alten. Neu hingegen war die Gründung einer Mädchen- und Jungengruppe im Alter von 12 bis 14 Jahren. Als neue Gruppenleiter hatten sich Patricia Fichtl und Herbert Hiemer für die Gruppen bereiterklärt. Patricia wurde dann nach einem halben Jahr Einarbeitung im Sommer zur Nachfolgerin von Monika Lindauer zur neuen Mädchenleiterin ernannt. Die Mitgliederzahl von Jungkolping erreichte in diesem Jahr einen Höchststand von 65 Mitgliedern.
Die immer größer werdende Organisation und Verwaltungsarbeit bei Jungkolping brachte im Herbst nochmals personelle Veränderungen. Da Monika Lindauer nach ihrem bestandenen Abitur eine Arbeitsstelle in Oberstdorf fand, erklärte sie sich bereit, als Schriftführerin zu fungieren und die Verwaltungsarbeiten zu übernehmen. Da Reinhard Seitz nach seiner Grundausbildung nach Kempten stationiert wurde, konnte er wieder seine alte Gruppe übernehmen. Der Jungkolpingleiter Hubert konnte sich somit durch die Abgabe der Gruppe ganz den organisatorischen Aufgaben bei Jungkolping widmen. Mit allen Gruppenleitern, der Kassiererin, der Schriftführerin, dem Leiter der Gruppe Junge Erwachsene und den Nachwuchsgruppenleitern hatte sich inzwischen die Mitgliederzahl der Jungkolpingleiter auf 11 Personen erhöht.

GRUPPENSTUNDE: SCHULPROBLEME

in 3 Gruppenabenden hatten die Jungen und Mädchen der Gruppen von Patricia und Herbert über Schulprobleme und Schwierigkeiten diskutiert und zu ergründen versucht, wie man das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern verbessern könnte und was zu tun ist, um manche Reaktionen der Lehrer besser zu verstehen. Beim verlauf der Gruppenabende wurde aufgezeigt, wie wichtig es sei, daß man sich mit auftretenden Problemen.auseinandersetzt und nicht vor ihnen davonläuft. Man kam auf den gemeinsamen Nenner, daß ein offenes Gespräch, Verständnis für den anderen und eine auf Humor basierende Zusammenarbeit Grundlagen sind, mit denen ein gutes Zusammenleben möglich ist.

Jungkolping und Schulprobleme

Lehrer und Schüler führen offene Gespräche
OBERSTDORF stz — In drei Gruppenabenden hatten Mädchen und Jungen aus der Kolpingfamilie Oberstdorf zu ergründen versucht, wie man das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern verbessern könnte und was zu tun ist, um manche Reaktionen der Lehrer besser zu verstehen. Die Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren hatten darüber nachgedacht, was ihnen nicht an der Schule gefällt, hatten mit einem Lehrer der Hauptschule über ihre Probleme diskutiert, und brachten einen Handzettel raus, der auch anderen Schülern bei Schulproblemen helfen soll.

1976 — EIN HAUS FÜR DIE KOLPINGFAMILIE

Das Jahr 1976 begann erstmals ohne personelle Veränderungen bei Jungkolping. Jeder konnte seine Gruppe weiterführen und jeder, der ein Amt innehatte, arbeitete auf seinem Gebiet weiter. Es war gut so. Denn das neue Haus brauchte eine geschlossne Vorstandschaft ebenso wie ein vollständiges Team bei Jungkolping. Das große Warten auf die Einweihung des neuen Hauses bildete den Hauptinhalt der Jungkolpingarbeit. Es ist ein Warten voll von großem Zeitaufwand und Arbeit für das neue Haus. Die finanziellen Probleme des Kolpinghaus e.V. beschäftigten auch die Mitglieder der Leiterrunde. Alle Einnahmen von Aktionen und Veranstaltungen fließen in die JK-Hauskasse, die der Mitfinanzierung der Einrichtung der Jugendräume im Kolpinghaus dient.
Drei Jugendräume stehen den Mitgliedern der Jungkolpinggruppe zur Verfügung. Es sind die Räume, in denen die Arbeit einer christlichen Jugend gedeihen kann, soll und muß. Es ist der Platz, um jungen Menschen bei ihrer personalen Verwirklichung zu helfen. Es ist ein Platz, in dem sie Sinn und Freiheit erfahren sollen, sich an Wertmaßstäben orientieren können und Verantwortung übernehmen sollen. Sie sollen die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen lernen, und lernen, sich für eine menschenwürdige Gesellschaft einzusetzen.

Das Wirken des Sozialpädagogen Adolf Kolping

Adolph Kolping
Adolph Kolping

KOLPING WAR IN ERSTER LINIE CHRIST

Kolping verstand sich zuerst immer als Verkünder der Botschaft Christi, wie sie von der Kirche gelehrt wird.
Verkündigung der Frohen Botschaft ist bei ihm aber immer gekoppelt mit sozialem Engagement. Er ist daher auch einer der ersten Vertreter der Kirche, der den Weg des sozialen Engagements der Kirche aufwies und beschritt!

,,Die Kirche kann und darf sich von der sozialen Frage nicht zurückziehen, sie darf das bürgerliche Leben ihren geborenen und geschworenen Feinden nicht allein überlassen, sie muß ins Leben hineintreten und den Kampf mit ihren Widersachern nicht scheuen.''
Kolping

Für Kolping trägt der Christ also nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch für die Welt, in der er lebt. Christ-Sein heißt Kolping, das ganze Dasein von einem christlichen Fundament aus und mit einer christlichen Zielsetzung und Aufgabenstellung zu gestalten. Fragt man nach dem Wirken Adolf Kolpings, so lautet die Antwort meistens, daß er der arbeitenden Jugend — speziell den Gesellen, deren Schicksal er am eigenen Leib verspürt hat — helfen wollte. Die Antwort ist sicher richtig, sie bleibt jedoch nur an der Oberfläche des Kolpingschen Wirkens. Der A satzpunkt Kolpings ist ein tiefgreifendes Unbehagen an der erfahrenen Wirklichkeit insgesamt. Von dies m Unbehagen aus ergibt sich für Kolping das Ziel, diese Wirklichkeit in umfassender Weise zu verändern, und zwar auf pädagogischem Wege, das heißt über ein verändertes Einwirken auf den einzelnen Menschen. Wie sah nun diese Wirklichkeit aus? Auf diese Frage näher einzugehen, würde hier sicherlich zu weit führen, darum seien nur einige Merkmale aufgezeigt.

DIE HERAUSLÖSUNG DES MENSCHEN AUS TRADITIONELLEN BINDUNGEN

Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit

1. Ende des Zunftwesens (Der Geselle war bis hier Mitglied der arbeitgebenden Familie. Der wandernde Geselle ist jetzt nu mehr b zahlte Arbeitskraft und während seiner Freizeit allein. Er trieb sich, da er auf Wanderschaft war, in Wirtschaften herum.) + Die Entwicklung im Verkehrs- und Nachrichtenwesen (Massenpresse, Eisenbahn, Telegraph) + Lösung der traditionellen Bindungen auch im weltanschaulichen Ber + Dem Christentum erwuchs im Liberalismus und später im Sozialismus zunehmend Konkurrenz + Immer mehr Möglichkeiten zur individuellen Daseinsgestaltung

Die Menschen tauschten oft genug die alten Bindungen nur gegen neue, härtere, drückende?flbhängigkeiten. Die Arbeiterschaft hing in beruflicher Hinsicht völlig vom Arbeitgeber ab (Tarifverträge und Gewerkschaften gab es noch nicht). In Notlagen war der Arbeiter völlig auf sich gestellt, da es auch noch keine Renten-, Unfall- und Krankenversicherungen gab.
Das Fehlen derartiger Sicherungen war in einer Zeit, wo der einzelne in der Großfamilie oder in seiner beruflichen Organisation in umfassender Weise geborgen war, kaum problematisch gewesen. Jetzt aber, wo viele alte gesellschaftliche Strukturen sich auflösten, zeigte sich immer deutlicher, von welchen Problemen Fortschritt und Wandel begleitet wurden.
Für den Zeitgenossen war das Ganze der Entwicklung zwar nicht im Zusammenhang überschaubar und voll zu durchschauen, doch wenn er sich mit seiner Zeit auseinandersetzte, wurde ihm der tiefgreifende Wandel bewußt, der sich in den verschiedensten Lebensbereichen vollzog.
Inhalte und Richtungen dieses Wandels fanden natürlich sehr unterschiedliche Bewertung, je nach der wirtschaftlichen Position und lnteressenslage des Betrachters.
Für Kolping überwiegen im ganzen die negativen Eindrücke. Von seinem religiösen Standpunkt und seinen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen her steht er einer ganzen Reihe neuer Gegebenheiten ablehnend gegenüber.
Dies ist gemeint, wenn vom Unbehagen Kolpings an der erfahrenen Wirklichkeit die Rede ist; es geht um die Unzufriedenheit Kolpings mit bestimmten Entwicklungen, die nicht im Einklang mit gegebenen Einstellungen und Wertvorstellungen stehen. Vor allem gilt dies fürden Rückgang des christlichen Einflusses auf die Gestaltung des menschlichen Lebens und Schaffens. Kolping sagte einmal:

,,Je mehr Christentum, um so weniger Elend, denn das Elend ist nur da, weil die Menschen nicht bessere Christen sind.''

Kritisiert wird auch die Gefährdung für die Familie, die Kolping in ihren unersetzlichen Funktionen gerade auch dadurch bedroht sieht, daß Frauen- und Kinderarbeit um sich greifen, die für viele Arbeiterfamilien zur existenziellen Notwendigkeit werden.
Kritik gibt es für Kolping also genug.
Die Welt ist wahrhaft nicht so, wie sie sein sollte oder sein könnte. Kolping kritisiert aber nicht nur, sondern geht aus dem Bewußtsein christlicher Verantwortung für die Welt den Weg zum konkreten Tun, zum Engagement für die Verwirklichung der eigenen Vorstellungen von einer besseren Welt. Kolping wollte und strebte also die konkrete Veränderung der Welt an.
Für Kolping aber ist sozialer Wandel der zu einer besseren Weit führen soll, nicht in erster Linie durch Veränderung von Strukturen möglich. Eine bessere Welt ist für Kolping nicht „machbar“ im Sinne von Veränderung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse durch politische Maßnahmen, schon gar nicht durch revolutionären Umsturz aller bestehenden Verhältnisse.
Kolping widerspricht keineswegs der Möglichkeit oder sogar Notwendigkeit, bestimmte strukturelle Veränderungen durchzusetzen, entscheidend aber ist bei ihm die Sicht, daß wirklich umwälzende positive Veränderungen nur über die Veränderung des Menschen möglich sind, durch Veränderung ihrer Gesinnung und daraus folgend ihres Verhaltens.
Verhaltensprägendes bzw. -änderndes Einwirken auf den Menschen wird so zum zentralen Anliegen Kolpings. Er wird dadurch zum Sozialpädagogen, er sagt: ,,Helft eine bessere Zukunft schaffen, indem ihr sie erziehen helft.'' Erziehung bedeutet für Kolping, in gemeinsamer Arbeit dem anderen Anstöße und Anregungen zu geben, ihn zum eigenen Tun zu führen, ihm Grundlagen zu vermitteln, von denen aus er selbständig weiterarbeiten kann und soll. Kolpings Bemühen endet dort, wo das freie verantwortliche Tun des einzelnen ansetzen muß. Kolpings Wirken ist „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Nun zu der Frage, warum sich Kolping gerade dem Gesellenstand zuwandte, wo doch auch in anderen Bereichen ein Wirken möglich bzw. nötig gewesen wäre.
Kolping war sich klar bewußt, daß er aus der Fülle der Aufgaben nur einen Sektor konkret angehen konnte. Er folgt hier dem Grundsatz der Konzentration der Kräfte, um so der Gefahr zu entgehen, bei einem gleichzeitigen Angehen aller Probleme die eigenen Kräfte zu verzetteln und dann letztlich gar nichts zu erreichen.
Daß sich Kolping nun gerade den Gesellen zuwandte, lag nicht nur in erster Linie an der schwierigen Lage, in der sie sich befanden; andere Gruppen, zum Beispiel die Arbeiterschaft, waren sicher genau so schlecht dran. Es liegt auch nicht daran, daß Kolping selbst als Handwerker die Verhältnisse erfahren hat, obwohl ihm diese Tatsache die Hinwendung zu den ehemaligen Standesgenossen sehr erleichterte. Entscheidend ist vielmehr die gesellschaftliche Bedeutung des Gesellenstandes. Das Handwerk war größter Bestandteil des kleinen und mittleren Bürgertums. Die Gesellen hatten — anders als die Fabrikarbeiter — zumindest die Chance, Meisterschaft und Selbständigkeit zu erreichen, und so eines Tages zum „Establishment“ zu gehören.
So hatte Kolping durch die Einwirkung auf die Gesellen die besten Möglichkeiten hinsichtlich seines „Fernzieles“, nämlich einer allmählichen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dabei mußte es notwendigerweise Kolpings konkretes „Nahziel“ sein, zunächst einmal den Gesellen unmittelbar zu helfen. Kolping sagt: „Der Gesellenverein will die bessere Zukunft möglich machen helfen, indem er einen wichtigen Teil der Sozietät (Gesellschaft) beizeiten in die geeignete Pflege nimmt.“
Zu betonen ist hier noch, daß Kolping mitunter ganz allgemein von seinem Bemühen um die jungen Arbeiter spricht. Entscheidendes Kriterium für die Mitgliedschaft im Gesellenverein ist für Kolping also nicht so sehr ein bestimmter beruflicher Status, sondern in erster Linie die Möglichkeit und Bereitschaft des einzelnen beruflich — und von da aus dann auch gesellschaftlich voranzukommen.
Kolping nahm sich also all derer an, die „Etwas aus sich machen wollten“.


,,Lautere, hingebende, alle Verhältnisse umfassende und durchdringende Liebe muß wieder zu Felde ziehen; sie wird die Welt erobern.''

Adolf Kolping